MANESSE

Sei Shonagon

Kopfkissenbuch

Die erste Bloggerin der Weltliteratur - tagesaktuelle Notizen aus einer sagenhaften Hochkultur

Ein Bündel edlen Papiers diente Sei Shônagon vor tausend Jahren als Tagebuch. Diesem vertraute sie ihre intimsten Geheimnisse an, darunter allerlei Delikates aus den Privatgemächern des Kaiserpalasts. Freimütig schwärmt die selbstbewusste junge Frau von Stil und Schönheit, macht sich über die Marotten der Männer lustig und ergründet mit heiterem Eigensinn Himmel und Erde. Ob sie vom prachtvollen Schwertlilienfest erzählt, vom Ausrücken der Kaiserlichen Gewittergarde oder von klammheimlichen Tête-à-Têtes – dank des lebendigen Stils wirken ihre höfischen Impressionen wie mit dem Tuschepinsel hingetupfte Ewigkeitsbilder.

Gebundenes Buch, 736 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2488-5

Leseprobe

Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung, wenn das Licht allmählich wiederkehrt, die Umrisse der Berge sich schwach vor dem hellen Himmel abzeichnen und schmale, rosa angehauchte Wolkenstreifen über sie hinwegziehen.

Im Sommer sind es die Nächte, besonders die Mondscheinnächte, die es mir angetan haben. Aber selbst die Finsternis hat ihren Reiz, wenn Glühwürmchen in großer Zahl umherschwirren. Wie hübsch der Anblick von einem oder zweien, die sich mit schwachem Glimmen bewegen! Regennächte sind ebenfalls stimmungsvoll.

Im Herbst ist es die Abendstunde, wenn die noch kräftige Abendsonne sich immer mehr den Berggipfeln nähert und die Krähen ihren Schlafplätzen zustreben, drei, vier… und da noch zwei, und dort wieder drei… Wie eilig sie heimfliegen, ein bewegender Anblick! Entzückend ist auch, wenn Wildgänse in Formation winzig klein in der Ferne dahinziehen. Und dazu natürlich noch der sachte Windhauch nach Sonnenuntergang und das Zirpen der Grillen!

Im Winter mag ich den frühen Morgen. Vor allem, wenn Schnee gefallen ist oder Raureif alles weiß verziert. Aber auch, wenn einfach nur grimmige Kälte herrscht, gehört zu einem Wintermorgen der Anblick von Leuten, die geschäftig Feuer machen und Kohleglut in alle Gemächer bringen. Gegen Mittag, während die Kälte allmählich weicht, zerfällt die Glut im Heizbecken zu weißer Asche, was freilich nicht sonderlich schön aussieht.

Monate
Der Neujahrsmonat, der dritte, vierte, fünfte, siebte, achte, neunte, elfte und zwölfte Monat. Im Jahresablauf haben alle Monate, jeder zu seiner Zeit, durchaus ihren eigenen Reiz.

Der Neujahrsmonat
Der 1.Tag ist etwas ganz Besonderes. Der Himmel wölbt sich in Feiertagsruhe und ist wundervoll in Dunst gehüllt. Alle Menschen am Kaiserhof kleiden und schminken sich aufs Sorgfältigste, man wünscht dem Kaiser viel Glück im neuen Jahr und tauscht auch untereinander Glückwünsche aus. Wie herrlich, wenn alles einmal ganz anders ist als im Alltag!

Am 7.Tag werden zwischen den Überresten des Schnees junge Kräuter gepflückt. Ich mag den Anblick von Leuten, die freudig jubeln, wenn sie das frische Grün direkt bei Palastgebäuden finden, wo man es wahrhaftig nicht vermutet hätte.

Anlässlich der Präsentation des Aouma-Schimmels richten die Adligen ihre Wagen schmuck her und fahren in den Kaiserpalast, um das Ross zu besichtigen. Wenn die Wagen die Schwelle des mittleren Palasttores Taikenmon passieren, rumpeln sie so heftig, dass die Insassen mit ihren Köpfen aneinanderstoßen, die Steckkämme der Damen zu Boden fallen und, sofern man nicht achtgibt, zerbrechen. Das Gelächter dabei, welch ein Spaß!

Nahe der Torwache zur Linken stehen privilegierte Hofleute in Gruppen beisammen, die scherzhaft nach den Bögen unserer Gardisten greifen und die Pferde mit ihrem lauten Gelächter scheu machen.

Durch das Tor Senyōmon erhascht der Blick die Jalousien vor einem Palastgebäude, wo Palastdamen und Bedienstete des Amtes für die persönlichen Obliegenheiten des Kaisers zugange sind – ein wundervolles Bild.

‹Was sind das für begnadete Leute, denen es vergönnt ist, im Innersten des kaiserlichen Palastes ein- und auszugehen!›, geht es mir neidvoll durch den Sinn. Dabei ist von diesem innersten Bezirk nur ein schmaler Ausschnitt zu erblicken!

Auf den Gesichtern der Reiter unserer Eskorte schimmert die Haut arg dunkel durch die scheckige Schminke hindurch, und wo das Bleiweiß verwischt ist, gleicht es den braunen Erdflecken zwischen schmelzenden Schneeresten. Es sieht schauderhaft aus. Als wir bemerkten, dass die Pferde scheuten, erschraken wir sehr und zogen uns in den hintersten Winkel des Wagens zurück; deshalb konnte ich nicht so gut erkennen, was draußen vor sich ging.

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