MANESSE

Longos

Daphnis und Chloe

Der erste erotische Roman der Weltliteratur

Kurt Steinmanns Übersetzungen von Homers «Odyssee» und «Ilias» wurden viel gelobt und ausgezeichnet. Nun zeigt er, dass er auch in Fragen der Liebe den richtigen Ton zu treffen weiß. Diese wurde selten zartfühlender, heiterer und unschuldiger beschrieben als in Longos' «Daphnis und Chloe». Als Findelkinder von zwei Hirtenfamilien aufgenommen, wachsen die beiden titelgebenden Helden in der idyllischen Berglandschaft der Insel Lesbos auf. Spielerisch entdecken sie über Jahre hinweg ihre Körper und ihre Leidenschaft, ehe sich am Ende all ihre Wünsche erfüllen. Longos` zauberhafter Liebesroman ist eines der inspirierendsten Zeugnisse antiker Literatur mit unzähligen Bearbeitungen des Themas durch Kunst, Musik und Literatur.

Gebundenes Buch, 192 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2486-1

Leseprobe

Es liegt eine Stadt auf Lesbos, Mytilene, groß und schön. Sie ist nämlich von Kanälen durchschnitten, in die das Meer sanft einströmt, und geschmückt mit Brücken aus poliertem weißem Stein. Fast glaubt man, keine Stadt zu sehen, sondern ein Eiland. Nun lag ungefähr zweihundert Stadien von dieser Stadt Mytilene entfernt das Landgut eines reichen Mannes, ein wunderschöner Besitz: das Wild ernährende Berge, Weizen tragende Ebenen, Rebhügel, Weideflächen für Schafe und Ziegen. Und das Meer umspülte den weichen Sand der lang gestreckten Küste.

Als auf diesem Grundstück ein Ziegenhirte namens Lamon einst seine Herde weidete, fand er einen kleinen Knaben, der von einer seiner Ziegen genährt wurde. Es gab da einen Eichenwald und ein dorniges Dickicht, üppig wuchernden Efeu und weiches Gras, auf dem das Bübchen lag. Dorthin lief die Ziege unablässig, verschwand oft, ließ ihr Zicklein im Stich und verweilte bei dem Kind. Lamon verfolgte dieses Hin-und-her-Rennen aufmerksam und fasste Mitleid mit dem vernachlässigten Zicklein. Und als einmal die Sonne zur Mittagszeit ihre höchste Kraft erreicht hatte, ging er der Spur nach und sah die Ziege über dem Bübchen stehen, die Beine behutsam gespreizt, um es nicht mit ihren Klauen zu zertreten und ihm keinen Schaden zuzufügen. Das Kind aber sog wie aus einer Mutterbrust die zuströmende Milch. Aus gutem Grund verblüfft, trat er nahe heran und fand ein Bübchen, groß und schön, in besseren Windeln, als es das Los eines ausgesetzten Kindes erwarten ließe. Neben ihm lagen nämlich ein purpurgefärbtes Mäntelchen, eine goldene Spange und ein Dolch mit elfenbeinernem Griff.

Lamons erster Gedanke war, einzig die Erkennungszeichen wegzutragen, ohne sich weiter um das Neugeborene zu kümmern. Dann aber wurde ihm bewusst, wie beschämend es wäre, wenn er weniger Menschlichkeit aufbrächte als eine Ziege, er wartete die Nacht ab und trug alles, die Erkennungszeichen, das Bübchen und die Ziege, zu Myrtale, seiner Frau. Als diese nun verdutzt fragte, ob Ziegen auch Kinder zur Welt brächten, schilderte er ihr alles: wie er das ausgesetzte Kind gefunden, wie er sein Stillen beobachtet und wie er sich geschämt habe, es dem Tod preiszugeben. Sein Entschluss fand ihren Beifall, und so versteckten sie die Gegenstände, die zusammen mit dem Bübchen ausgesetzt worden waren, nannten ihn ihr Eigen und übertrugen der Ziege, ihn großzuziehen. Damit aber auch der Name des kleinen Buben nach einem Hirten klinge, beschlossen sie, ihn Daphnis zu nennen.

Schon zwei Jahre waren ins Land gegangen, als ein Schäfer eines angrenzenden Grundstücks, Dryas mit Namen, beim Hüten seiner Herde auf ähnliche Fundstücke und einen ähnlichen Anblick stieß. Es gab da eine Nymphengrotte: ein mächtiger Fels, der innen hohl, außen abgerundet war. Die Statuen der Nymphen waren aus Stein gefertigt, ihre Füße unbeschuht, die Arme bis zu den Schultern unverhüllt, die Haare fielen lose in den Nacken, ein Gürtel zog sich um die Hüfte, ein Lächeln umspielte die Augenbrauen. Die ganze Statuengruppe stellte einen Reigentanz dar, und genau in der Mitte des wuchtigen Felsens ging es in die Grotte. Aus einer Quelle sprudelndes Wasser bildete einen dahinfließenden Bach, sodass sich, da viel weiches Gras von dem Nass durchtränkt wurde, vor der Grotte eine saftige Wiese entlangzog.

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