MANESSE

Auf die Freundschaft

«Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte.» George Bernard Shaw

Endlich ein Buch, das man guten Freunden schenken kann: eine wunderbare Sammlung von Texten aus aller Welt, die Mut zur Freundschaft machen. Die von Rafik Schami präsentierten Geschichten erzählen von falschen und richtigen Freunden, von blindem Vertrauen, Nachsicht, Bewährungsproben und vom Glück wechselseitigen Wohlwollens zwischen Frauen und Frauen, Männern und Männern, Frauen und Männern! Dieses originelle Freundschaftsbuch ist eine Feier zeitloser Werte wie Loyalität, Empathie und Hilfsbereitschaft. Abgerundet wird es durch Anekdoten und Aphorismen über Gastfreundschaft oder Freundesfreunde sowie durch kurzweilige Einblicke in das Freundschaftsverständnis verschiedenster Kulturen.

Gebundenes Buch, 448 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2474-8

Leseprobe

Ein Freundschaftsdienst

Ich erinnere mich an einen Freund, der in Liverpool mehrere Sorten Käse kaufte. Prächtige Käse waren das, reif und weich, mit zweihundert PS Aroma, das garantiert drei Meilen weit reichte und einen Mann auf zweihundert Yards Entfernung niederstrecken konnte. Ich hielt mich zu dieser Zeit in Liverpool auf, und mein Freund sagte, wenn es mir nichts ausmache, wolle er mich bitten, sie mit nach London zu nehmen, da er erst einen oder zwei Tage später reisen wolle und glaube, man solle die Käse nicht noch länger aufbewahren.

«Aber mit Vergnügen, mein Lieber», antwortete ich, «mit Vergnügen.»

Ich holte die Käse ab und nahm sie in einer Droschke mit. Es war ein klappriges Ding, gezogen von einem x-beinigen, keuchenden Schlafwandler, den sein Besitzer während eines Gesprächs in einem Anfall von Begeisterung als Pferd bezeichnete. Ich legte die Käse aufs Dach, wir fuhren los in einem Schlendertempo, das der schnellsten je gebauten Dampfwalze Ehre gemacht hätte, und alles war so munter wie eine Totenglocke, bis wir um die Ecke bogen. Dort trug der Wind einen Käsehauch zu unserem Hengst. Das weckte ihn auf, und mit einem Schnaufer des Entsetzens raste er mit drei Meilen pro Stunde los. Der Wind wehte noch immer zu ihm hin, und ehe wir das Ende der Straße erreichten, verausgabte er sich mit fast vier Meilen pro Stunde und hängte Krüppel und stämmige alte Damen einfach ab.

Am Bahnhof waren zwei Gepäckträger und der Fahrer kaum imstande, das Pferd festzuhalten; ich glaube, sie hätten es nicht einmal zu dritt geschafft, wenn nicht einer von ihnen die Geistesgegenwart besessen hätte, ihm ein Taschentuch über die Nüstern zu breiten und ein Stück Packpapier anzuzünden.

Ich kaufte meine Fahrkarte, marschierte stolz den Bahnsteig entlang, und zu beiden Seiten wichen die Menschen respektvoll zurück. Der Zug war voll, und ich musste mich in ein Abteil zwängen, in dem schon sieben Leute saßen. Ein mürrischer alter Gentleman hatte Einwände, aber ich stieg trotzdem ein, legte meine Käse ins Gepäcknetz, quetschte mich mit einem liebenswürdigen Lächeln zwischen die anderen und sagte, es sei ein warmer Tag.

Einige Momente vergingen, bis der alte Herr herumzurutschen begann. «Sehr eng hier drin», sagte er.

«Ziemlich stickig», sagte der Mann neben ihm. Und dann begannen beide zu schnüffeln, und beim dritten Schnüffeln erwischte es sie voll in der Brust, und ohne ein weiteres Wort standen sie auf und gingen hinaus. Dann erhob sich eine füllige alte Dame und sagte, es sei eine Schande, dass einer respektablen Frau und Mutter derart übel mitgespielt werde, nahm ihre Reisetasche und acht Pakete und ging ebenfalls. Die vier verbliebenen Passagiere saßen einige Zeit ruhig da, bis aus der Ecke ein feierlich dreinblickender Mann, der seiner Kleidung und allgemein seinem Äußeren nach zur Klasse der Bestatter zu gehören schien, sagte, das erinnere ihn an ein totes Baby; die drei anderen Fahrgäste versuchten gleichzeitig durch die Tür hinauszugelangen und taten sich dabei weh.

Ich lächelte den schwarz gekleideten Gentleman an und sagte, wir würden das Abteil wohl für uns allein haben, und er lachte freundlich und sagte, manche Leute machten eben viel Aufhebens um wenig. Doch wirkte selbst er seltsam bedrückt, als wir losgefahren waren; deshalb forderte ich ihn, als wir Crewe erreichten, dazu auf, mich auf einen Drink zu begleiten. Er nahm an, und wir bahnten uns einen Weg zum Speisewagen, wo wir eine Viertelstunde lang riefen und trampelten und mit den Regenschirmen fuchtelten, bis endlich eine junge Dame kam und uns fragte, ob wir etwas wünschten.

«Was möchten Sie?», sagte ich und wandte mich an meinen Freund.

«Ich hätte gern für eine halbe Crown Brandy, pur, bitte sehr, Miss», antwortete er.

Nachdem er diesen getrunken hatte, ging er still weg und stieg in ein anderes Abteil, was ich schäbig fand.

Von Crewe an hatte ich das Abteil für mich, obwohl der Zug voll war. Wenn wir in einen Bahnhof einfuhren, kamen die Leute angesichts meines leeren Abteils angerannt. «Da wären wir, Maria; komm schon, ganz viel Platz.» – «Sehr gut, Tom, da steigen wir ein», riefen sie dann. Und sie liefen herbei, schleppten schwere Koffer und kämpften an der Tür darum, als Erste einzutreten. Und einer machte dann immer die Tür auf, stieg auf die Stufen und taumelte rücklings in die Arme des hinter ihm Stehenden; sie kamen alle an und schnüffelten, dann wichen sie zurück und quetschten sich in andere Abteile oder zahlten Zuschlag für die erste Klasse.

Vom Bahnhof Euston brachte ich die Käse zum Haus meines Freundes. Als seine Frau ins Zimmer trat, schnupperte sie einen Moment lang nach allen Seiten. Dann sagte sie: «Was ist das? Erzählen Sie mir lieber das Schlimmste zuerst.» Ich sagte: «Das sind verschiedene Käse. Tom hat sie in Liverpool gekauft und mich gebeten, sie mit nach London zu nehmen.»

Ich setzte hinzu, ich hoffte, sie verstehe, dass dies nichts mit mir zu tun habe; und sie sagte, dessen sei sie sicher, sie werde aber mit Tom ein Wörtchen darüber reden, wenn er zurückkomme.

Mein Freund wurde in Liverpool länger aufgehalten als erwartet; als er drei Tage später noch immer nicht heimgekehrt war, suchte seine Frau mich auf. Sie sagte: «Was hat Tom über diese Käse gesagt?»

Ich erwiderte, er habe angeordnet, man solle sie an einem feuchten Ort aufbewahren, und niemand solle sie anrühren.

Sie sagte: «Die rührt bestimmt niemand an. Hat er daran gerochen?»

Ich sagte, ich vermutete dies, und setzte hinzu, er scheine großen Wert auf sie zu legen.

«Meinen Sie, er wäre verärgert», fragte sie, «wenn ich jemandem einen Sovereign gäbe, damit er sie mitnimmt und vergräbt?»

Ich antwortete, ich hätte die Befürchtung, dass er nie wieder lächeln werde.

Ihr kam eine Idee. Sie sagte: «Macht es Ihnen etwas aus, sie für ihn aufzubewahren? Ich könnte sie Ihnen bringen lassen.»

«Madam», antwortete ich, «was mich angeht, so mag ich den Geruch von Käse, und die Reise neulich mit diesen Käsen von Liverpool hierher werde ich immer als glückliches Ende eines erfreulichen Ausflugs in Erinnerung behalten. Auf dieser Welt müssen wir jedoch Rücksicht auf andere nehmen. Die Dame, unter deren Dach zu residieren ich die Ehre habe, ist Witwe und, soviel ich weiß, vielleicht auch noch Waise. Sie hat eine lebhafte, um nicht zu sagen beredte, Abneigung dagegen, ‹ausgenutzt› zu werden, wie sie es nennt. Die Anwesenheit der Käse Ihres Gatten in ihrem Haus würde sie, wie mein Instinkt mir sagt, als ‹Ausnutzung› betrachten; und ich möchte nicht, dass behauptet wird, ich nutzte Witwen und Waisen aus.»

«Na schön», sagte meines Freundes Frau und erhob sich, «dann kann ich nur feststellen, dass ich mit den Kindern in ein Hotel ziehen werde, bis diese Käse gegessen sind. Ich lehne es ab, auch nur einen Moment länger mit ihnen unter einem Dach zu leben.»

Sie hielt Wort und überließ das Haus der Obhut ihrer Putzfrau; als diese gefragt wurde, ob sie diesen Geruch ertragen könne, antwortete sie: «Welchen Geruch?», und als man sie nahe an die Käse führte und aufforderte, gründlich zu schnüffeln, sagte sie, sie nehme einen schwachen Melonengeruch wahr. Daraus schloss man, dass die Luft dieser Frau nur geringen Schaden zufügen könne, und man ließ sie zurück.

Die Hotelrechnung belief sich auf fünfzehn Guineen, und als mein Freund alles zusammenrechnete, fand er heraus, dass der Käse ihn acht Shilling und sechs Pence pro Pfund gekostet hatte. Er sagte, er möge Käse für sein Leben gern, aber das übersteige seine Mittel; daher entschied er, die Käse loszuwerden. Er warf sie in den Kanal, musste sie aber wieder herausfischen, weil die Leute von den Transportkähnen sich beschwerten. Sie sagten, es bringe sie einer Ohnmacht nahe. Danach steckte er sie in einer finsteren Nacht ein und ließ sie im Leichenhaus der Gemeinde zurück. Aber der Leichenbeschauer entdeckte sie und machte furchtbaren Lärm.

Er sagte, es sei dies eine Verschwörung, ihn durch Erweckung der Toten um seinen Lebensunterhalt zu bringen.

Schließlich wurde mein Freund sie los, indem er sie in einen Ort an der Küste brachte und am Strand vergrub. Dies verhalf dem Ort zu einem bedeutenden Ruf. Besucher sagten, sie hätten nie zuvor bemerkt, wie kraftvoll die Luft dort sei, und Schwachbrüstige und Schwindsüchtige drängten sich hier jahrelang scharenweise.

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