MANESSE

Katherine Mansfield

Fliegen, tanzen, wirbeln, beben

«Man entgeht der Herrlichkeit des Lebens nicht.» Katherine Mansfield

Gute Tage, schlechte Tage, Augenblicke himmlischer Glückseligkeit oder solche tiefer Bestürzung – aus allem macht die Sprachkünstlerin Katherine Mansfield reinste Poesie. Ihr Tagebuch gewährt Einblick in ein bei aller Kürze überreiches Leben: überreich an Hochgefühlen und Selbstzweifeln, überreich an musischen Begabungen, Liebeswagnissen, Dramen und Schicksalsschlägen. Die Auswahl reicht von ersten Talentproben der zwölfjährigen Neuseeländerin Kathleen Beauchamp bis hin zur brillanten Tagebuchprosa einer gereiften Schriftstellerin. Hier in Neuübersetzung vorgelegt, faszinieren die Texte durch gedankliche Tiefe, Intimität, Empfindungsreichtum und den Zauber der poetischen Weltbetrachtung.

Mit einem Nachwort von Dörte Hansen!

Gebundenes Buch, 384 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2482-3

Leseprobe

27. Dezember 1903

Ich bin doch sehr altmodisch, fürchte ich. Dabei hatte ich mir etwas darauf eingebildet, eine einigermaßen moderne Frau zu sein, aber in der vergangenen Woche hatte ich ein böses Erwachen. Letzten Samstagnachmittag, als mein Liebster nach Hause gekommen war und wir die Vorhänge zugezogen, das Feuer geschürt und uns zu einem wunderbar ruhigen Moment nur für uns niedergelassen hatten, klingelte es laut an der Tür. Kurz darauf erschien das Hausmädchen mit einem verdächtig aussehenden Umschlag, auf dem stand: «Mit Mr. Johnsons Empfehlungen». «Vergiss Mr. Johnson», sagte ich schnell. «Es sind bestimmt bloß Karten für eine Pferde- oder Blumenschau oder sonst etwas Grässliches, Liebster.» Doch nein, da hatte ich mich getäuscht. Die Karten kamen pompös und aufwendig daher, und nur mit viel Ausdauer entdeckten wir zwischen all den Blumenranken und trompetenden Engeln den Hinweis: «Vortrag über Körperkultur von Miss Mickle in den Assembly Rooms um 15 Uhr.»

Zu meinem unendlichen Bedauern hatte mein Liebster urplötzlich den Wunsch hinzugehen, und so verließen wir unser geliebtes, gemütliches kleines Wohnzimmer und fanden uns bald darauf in einem furchtbar zugigen Saal auf sehr harten Stühlen wieder, umgeben von höchst körperkultivierten Männern und Frauen. Die Frauen schauderten mich. Beeindruckend große, hagere und kantige Wesen. Sie litten anscheinend an der Manie, maskulin wirken zu wollen. Männerstiefel, Männerhandschuhe, Männerhüte und -mäntel. Sie machten ausladende Schritte und sprachen mit tiefer Stimme. Arme unbedarfte Gemüter!

Zwei Vorhaltungen mit einer Moral

A. Es war einmal ein nettes, süßes, rundliches kleines Mädchen, und mit jedem Jahr ihres Lebens wurde sie süßer und rundlicher und ihr Haar noch wunderbar lockiger. Sie kümmerte sich nie um die Angelegenheiten anderer Leute, sie belästigte nie andere Leute mit dem Wunsch nach völlig überflüssigem Wissen, sie hatte nie etwas vom Verb «denken» gehört, und «Verstand» war ein Fremdwort für sie. Schließlich wurde sie so entzückend rundlich und so lächerlich unbekümmert, dass sie die Treppe runterfiel – und man bereitete ihr ein himmlisches Begräbnis und das urgemütlichste, warme kleine Grab, das man sich vorstellen kann – und selbst der Bestatter sagte, als er sich den Lehm von den Händen kratzte: «Ach, was war sie bloß für ein Schatz...»

Finis.

B. Es war einmal ein böses, nachdenkliches, dünnes kleines Mädchen, und mit jedem Jahr ihres Lebens wurde sie nachdenklicher und dünner und ihr Haar noch ekelhaft glatter. Sie kümmerte sich stets um die Angelegenheiten anderer Leute, sie belästigte stets andere Leute mit dem Wunsch nach überflüssigem Wissen, sie führte das Verb «denken» immer im Mund, und «Verstand» bedeutete Leben für sie! Schließlich wurde sie so entsetzlich dünn und so lächerlich unglücklich, dass sie die Treppe rauffiel, und man warf sie ins dunkelste, feuchteste kleine Loch, das man sich vorstellen kann – und selbst der Bestatter sagte, als er sich eine Handvoll Nägel in den Mund schob: «Ach, was war sie bloß für ein Ekel.»

Finis. 1903

∼ 1904 ∼

Silvester. Es ist halb eins. Alle Glocken der Dorfkirchen läuten. Ein neues Jahr ist angebrochen. Bei seinem Einzug, mein Liebster, nehme ich mir vor, mit meinem Buch zu beginnen. Es wird nichts Großes oder Dramatisches sein, nur von all dem handeln, was mich beschäftigt hat. Du bist so weit weg von mir und weißt so wenig von dem, was mir begegnet, und es wäre egoistisch, dir nicht mehr zu erzählen. Ich bin soeben von einem Mitternachtsgottesdienst zurück. Es war wunderschön und feierlich. Die Luft draußen war kalt und erfrischend und die Nacht zauberhaft. Über die Wälder und Wiesen hatte die Natur einen gnädigen Schleier gegen den Frost geworfen, aber die Bäume hoben sich dunkel und schön gegen den klaren Sternenhimmel ab. Die Kirche machte heute Nacht ihrem Namen Gotteshaus alle Ehre. Sie sah so stark, trutzig und gastfreundlich aus.

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