MANESSE

Thomas Morus

Utopia

Berühmter Vorläufer von "1984" und "Schöne neue Welt"

Wohlstand und leichte Arbeit für alle, Partnerschaften ohne Konflikte und Kultur von Kindesbeinen an - so muss sie aussehen, die beste aller möglichen Welten. Nie wieder wurde über das Zusammenleben in einer Gesellschaft so menschenfreundlich fantasiert wie in «Utopia» («Nichtort»), diesem ersten Staatsroman unserer Zeit. Dabei konnte der Kontrast im 16. Jahrhundert, geprägt durch soziale Missstände, Konflikte und Kriminalität, kaum größer sein. Thomas Morus' Schilderung einer Reise zum Hort purer Harmonie war vor diesem Hintergrund auch nicht durchwegs ernst gemeint. Vielmehr kippt «Utopia» häufig ins Ironische, was den Roman zu einer noch heute ebenso anregenden wie sympathischen Lektüre macht.

Gebundenes Buch, 320 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2456-4

Leseprobe

Als der unbesiegbare König Heinrich von Eng­land – der achte seines Namens –, der mit allen Tugenden eines vortrefflichen Fürsten ausge­zeichnet ist, jüngst eine bedeutende Meinungs­verschiedenheit mit Karl hatte, dem erlauchten Fürsten von Kastilien, schickte er mich als Ge­sandten nach Flandern, um in dieser Kontro­verse zu vermitteln und sie beizulegen. Ich war Begleiter und Kollege des unvergleichlichen Cuthbert Tunstall, den er kürzlich unter größ­tem Beifall aller zum Vorsteher des königlichen Archivs ernannt hatte. Zu dessen Lob werde ich jetzt nichts sagen – nicht etwa weil ich fürchtete, meine Freundschaft mit ihm beeinträchtige mei­ne Glaubwürdigkeit als Zeuge, sondern weil sei­ne Tüchtigkeit und Gelehrsamkeit größer sind, als ich sie zu loben vermöchte, zudem allgemein bekannter und berühmter, als dass sie des Lobes bedürften. Ich würde mir andernfalls anmaßen, die Sonne mit der Laterne zeigen zu wollen, wie es im Sprichwort heißt.

In Brügge – so war es vereinbart – trafen uns jene Leute, denen diese Aufgabe vom Fürsten anvertraut worden war: allesamt hervorragen­de Männer, unter ihnen, als ihr Führer und Vertreter, der Präfekt von Brügge, ein Mann von hohem Ansehen. Ihr Sprecher und die Seele der Gesandtschaft war im Übrigen Georg Temsi­cius, der Propst von Cassel, ein nicht erst durch seine Ausbildung, sondern von Natur aus rede­gewandter Mann, überdies ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter, ein dank Begabung wie auch langer praktischer Erfahrung ganz hervorragen­der Meister im Führen von Verhandlungen. Nachdem wir mehrfach zusammengekommen waren, verabschiedeten sich jene für einige Tage von uns, da wir in gewissen Fragen keine Über­einstimmung erzielen konnten, und reisten nach Brüssel, um sich nach dem Orakel ihres Fürsten zu erkundigen.

Ich begab mich unterdessen nach Antwerpen – so brachten es die Geschäfte mit sich. Während meines dortigen Aufenthalts besuchte mich un­ter anderen – aber mir lieber als jeder andere! – Petrus Aegidius, ein gebürtiger Antwerpener, ein Mann von großer Redlichkeit, der bei seinen Landsleuten eine ehrenvolle Stellung innehat, ja der ehrenvollsten würdig wäre. Ich wage näm­lich zu bezweifeln, dass es einen gelehrteren und charaktervolleren jungen Mann gibt; vor­trefflich und sehr gebildet ist er, dazu von edler Gesinnung gegenüber jedermann und Freunden gegenüber von solcher Zuneigung, Liebe, Treue und aufrichtigem Wohlwollen, dass sich kaum jemand finden ließe, den man in allen Belangen der Freundschaft mit ihm vergleichen könnte. Er ist von seltener Bescheidenheit, keinem liegt es ferner, sich zu verstellen, keiner ist verständ­nisvoller und aufrichtiger. Er versteht sich zu­dem so geistreich zu unterhalten und ist auf solch unaufdringliche Weise witzig, dass er mir durch seinen äußerst angenehmen Umgang und sein anmutiges Geplauder die Sehnsucht nach meiner Heimat und dem häuslichen Lar, nach Gattin und Kindern zu lindern wusste; quälte mich doch, überaus ängstlich, wie ich war, das Verlangen nach einem Wiedersehen, denn zu besagtem Zeitpunkt war ich schon mehr als vier Monate fern von zu Hause.

Als ich eines Tages in der Liebfrauenkirche, einem herrlichen, vom Volk viel besuchten Bau­werk, dem Gottesdienst beigewohnt hatte und mich danach anschickte, in meine Herberge zu­rückzukehren, sah ich Petrus zufällig mit einem Fremden sprechen, der schon fast das Greisen­alter erreicht hatte. Sein Gesicht war sonnen­gebräunt, er trug einen langen Bart und einen nachlässig von den Schultern herabhängenden Reisemantel. Dem Aussehen und der Kleidung nach schien er mir ein Seemann zu sein.

Sobald mich Petrus erblickte, kam er auf mich zu, grüßte, führte mich, der ich eben den Gruß erwidern wollte, etwas abseits und sagte: «Siehst du diesen Mann da?» Zugleich wies er auf den, mit dem ich ihn im Gespräch gesehen hatte: «Eben hatte ich vor, ihn geradewegs zu dir zu führen.»

«Schon allein deinetwegen wäre er mir sehr willkommen gewesen», sagte ich.

«Er sollte es vielmehr um seiner selbst willen sein», antwortete er. «Wenn du den Mann kenn­test! Unter allen Sterblichen lebt heute keiner, der dir über Menschen und unbekannte Länder so viel erzählen könnte wie er, und ich weiß doch, wie begierig du bist, solche Dinge zu hö­ren!»

«Also lag ich nicht gänzlich daneben! Denn ich habe gleich auf den ersten Blick gemerkt, dass es sich um einen Seefahrer handelt.»

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