MANESSE

Sinclair Lewis

Main Street

Ein Schlüsselroman zum Verständnis der modernen USA, ihrer tiefen Ambivalenz und inneren Zerrissenheit

Carol Kennicott, eine junge Frau aus Neuengland, hat es in ein Provinznest verschlagen, deren Einwohner, so merkt sie rasch, völlig anders ticken als sie. Um keinen Preis wollen sie von Vorurteilen abrücken und mit neuen Ideen beglückt werden. Im Gegenteil: Wer an ihren tief verwurzelten Überzeugungen rüttelt, kann sein blaues Wunder erleben. So entspinnt sich ein Kampf zwischen zwei konträren Weltbildern - urbane Liberalität vs. rustikales Hinterwäldlertum. Dass Letzteres nicht so einfach zu überwinden ist, sondern böse zurückschlägt, wenn es sich bedroht fühlt, lässt sich an der USA der Gegenwart ebenso studieren wie an diesem turbulenten, unterhaltsamen Klassiker.

Gebundenes Buch, 1008 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2454-0

Leseprobe

Wie trunken tanzten die Sonnenstrahlen über die freien Stoppelfelder. Die Schatten mächtiger Kumuluswolken glitten unermüdlich über niedrige Hügel, und der Himmel war weiter und höher und von einem viel intensiveren Blau als in der Großstadt … schloss Carol ihre Bilanz.

„Es ist ein fantastisches Land, an dem man wachsen kann“, flüsterte sie gefühlvoll.

Und dann erschreckte Kennicott sie, indem er lachend sagte: „Weißt du, dass die übernächste Station schon Gopher Prairie ist? Gleich sind wir daheim!“

Jenes eine Wort „daheim“ versetzte sie in Panik. Hatte sie sich wirklich und unwiderruflich verpflichtet, in dieser Stadt namens Gopher Prairie zu leben? Und dieser vierschrötige Mann neben ihr, der sich erdreistete, über ihre Zukunft zu bestimmen, er war doch ein Fremder! Sie wandte sich ihm zu und starrte ihn an. Wer war er? Warum saß er an ihrer Seite? Er gehörte nicht zu ihr und ihresgleichen! Sein Hals war dick, seine Ausdrucksweise ungeschliffen, er war zwölf oder dreizehn Jahre älter als sie, und nichts an ihm atmete den Zauber geteilter Begeisterung und gemeinsam bestandener Abenteuer. Sie konnte es nicht fassen, dass sie je in seinen Armen geschlafen hatte. Das war bloß einer von den Träumen, die man zwar hat, aber tunlichst für sich behält.

Sie sagte sich vor, wie gütig er sei, wie zuverlässig und verständnisvoll. Sie berührte sein Ohr, strich über die Glätte seines kräftigen Kinns, und konzentrierte sich dann, den Blick erneut dem Fenster zugewandt, darauf, seine Stadt zu mögen. Immerhin würde sie nicht aussehen wie diese trostlosen Siedlungen. Nein, das war schlicht unmöglich, denn schließlich hatte Gopher Prairie dreitausend Einwohner. Das waren eine Menge Menschen, da hatte der Ort gewiss sechshundert Häuser, wenn nicht mehr. Und … die Seen in der Umgebung würden ihr gefallen. Sie kannte sie schon von den Photos, und da hatten sie wunderhübsch ausgesehen … oder nicht?

Kaum dass der Zug in Wahkeenyan abfuhr, begann sie ungeduldig nach den Seen Ausschau zu halten – dem Tor zu ihrem ganzen künftigen Leben. Aber als sie sie dann, links der Gleise, entdeckte, war ihr einziger Eindruck der, dass sie den Photos ähnlich sahen.

Eine Meile vor Gopher Prairie führte die Bahnstrecke über einen sanften Hügelkamm, und von oben bot sich Carol ein erster Rundblick über die Stadt. Heftig bewegt, stieß sie das Fenster hoch und spähte hinaus, die gekrümmten Finger ihrer linken Hand zitternd auf dem Fensterbrett, die Rechte an der Brust.

Sie sah auf den ersten Blick, dass Gopher Prairie nur eine Vergrößerung all der Weiler und Dörfchen war, durch die sie bis jetzt gekommen waren. Außergewöhnlich war die Stadt bloß für die Augen eines Kennicott. Die eng aneinandergedrängten, niedrigen Holzhäuser durchbrachen die Monotonie der Prärielandschaft kaum mehr, als eine Haselnusshecke es vermocht hätte. Die Felder reichten bis zum Ortsrand, schlängelten sich daran vorbei. Die Stadt war schutzlos und bot keinen Schutz; sie hatte weder Würde, noch versprach sie Hoffnung auf künftige Größe. Allein der hohe rote Silo und ein paar blecherne Kirchtürme erhoben sich über das Gewirr. Das war ein Grenzlager, wie im Wilden Westen, aber kein Ort, an dem man wohnen konnte. Unmöglich, unvorstellbar.

Und die Leute – bestimmt würden sie genauso trist und grau sein wie ihre Häuser, so flach wie ihre Felder. Nein, hier konnte sie nicht bleiben. Sie würde sich von diesem Mann losreißen und die Flucht ergreifen müssen.

Verstohlen sah sie zu ihm hin. Angesichts seiner besonnenen Zielstrebigkeit fühlte sie sich mit einem Mal hilflos und bewegt von der Erregung, mit der er sein Heft in den Gang schleuderte, sich nach ihrem Gepäck bückte, mit hochrotem Gesicht wieder auftauchte und freudestrahlend verkündete: „Da wären wir!“

Sie lächelte pflichtschuldig und sah weg. Der Zug hatte die Stadtgrenze passiert. Die Häuser am Ortsrand waren teils dunkle alte Backsteinvillen mit Schnitzzierrat, teils spillerige Holzverschläge, die aussahen wie Lebensmittelkisten, oder moderne Bungalows mit auf Naturstein getrimmtem Betonfundament.

Jetzt fuhr der Zug am Silo vorbei; es folgten scheußliche Öltanks, eine Molkerei, ein Holzlager, eine stinkende, morastig-zertrampelte Viehweide. Und schon hielten sie an dem gedrungenen roten Holzbahnhof; auf dem Bahnsteig wimmelte es von unrasierten Farmern und Nichtstuern – lauter biedere Leute mit toten Augen. Sie war angekommen. Konnte nicht weiterfahren. Das war das Ende – das Ende der Welt. Mit geschlossenen Augen saß sie da und wünschte sich nichts sehnlicher, als sich an Kennicott vorbeizudrängen und irgendwo im Zug zu verstecken, fortzulaufen und Richtung Pazifik zu fliehen.

Doch da regte sich etwas Großes in ihrer Seele und befahl: „Schluss jetzt! Hör auf zu jammern wie ein kleines Kind!“ Rasch erhob sie sich und sagte: „Ist es nicht wunderbar, dass wir endlich da sind?“

Er vertraute ihr so rückhaltlos. Sie würde sich überwinden und lernen, seine Stadt zu mögen. Und sie würde Sagenhaftes vollbringen …

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