MANESSE

Iwan Turgenjew

Das Adelsgut

Iwan Turgenjews erzählerisches Glanzstück endlich in Neuübersetzung

Fjodor Lawrezki kehrt nach Jahren im Westen in seine Heimat zurück, um das Gut seines Vaters zu übernehmen. Seine Ehe mit der selbstbezogenen Warwara ist gescheitert und Fjodor muss sich neu finden. Gegen seinen Willen verliebt er sich in Lisa, eine pflichtbewusste junge Frau, für die ihre Mutter eine ganz andere Partie vorgesehen hat. Der Beginn einer schwierigen Liebesgeschichte... Für seine Landschaftsschilderungen und den lyrischen Grundton seiner Prosa berühmt, war es Iwan Turgenjew, der die russische Literatur endgültig nach Europa gebracht hat. Den Geburtstag dieses bedeutendsten Vertreters des russischen Realismus feiern wir mit einer vielstimmigen Neuübersetzung eines erzählerischen Hauptwerks.

Gebundenes Buch, 384 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2448-9

Leseprobe

Der helle Frühlingstag neigte sich seinem Ende zu. Hoch oben am klaren Himmel hingen kleine rosafarbene Wölkchen, die indes nicht über die­sen davonwanderten, sondern vom Azurblau auf­gesogen zu werden schienen.

Vor dem weit geöffneten Fenster einer pracht­vollen Villa in einer der Straßen am Rande der Gouvernementstadt O. – die Geschichte ereigne­te sich im Jahre 1842 – saßen zwei Frauen, die eine etwa fünfzig Jahre alt, die andere bereits hochbetagt und um die siebzig.

Erstere hieß Marja Dmitrijewna Kalitina. Ihr Gatte, der einstige Staatsanwalt des Gouverne­ments – seinerzeit als Mann von ausgesprochener Tatkraft bekannt, ebenso bestimmt und resolut wie ruppig und dickköpfig –, war vor rund zehn Jahren gestorben. Er hatte eine vorzügliche Erzie­hung genossen und sogar studiert, gleichwohl war ihm, da aus ärmlichen Verhältnissen stammend, früh klar geworden, dass er sich seinen Weg aus eigener Kraft bahnen und unbedingt Geld ma­chen musste. Marja Dmitrijewna hatte ihn aus reiner Liebe geheiratet, war er doch ein Bild von Mann, klug und, so er wollte, äußerst galant. Be­reits in ihrer Kindheit hatte Marja Dmitrijewna (geborene Pestowa) die Eltern verloren, danach einige Jahre in einem Moskauer Mädchenpensio­nat zugebracht und schließlich, von dort zurück­gekehrt, fünfzig Werst von O. entfernt auf dem Stammgut Pokrowskoje gelebt, zusammen mit ihrer Tante und ihrem älteren Bruder. Besagter Bruder sollte schon kurz nach ihrer Rückkehr zum Dienst nach Petersburg übersiedeln und von diesem Moment an Schwester wie Tante nur noch mit Brosamen bedenken, bis der Tod sei­nem Dasein überraschend ein Ende setzte. Mar­ja Dmitrijewna erbte Pokrowskoje, blieb jedoch nicht mehr lange dort. Ein gutes Jahr nach ihrer Hochzeit mit Kalitin, der ihr Herz binnen weni­ger Tage erobert hatte, wurde Pokrowskoje gegen eine andere Besitzung eingetauscht, die wesent­lich mehr Gewinn abwarf, allerdings reizlos und ohne Herrenhaus war. Gleichzeitig erwarb Kali­tin eine Villa in der Stadt O., wo seine Frau und er fortan residierten. Zu ihr gehörte ein großer Garten; dieser grenzte auf der einen Seite an ein Feld, das bereits außerhalb der Stadt lag. «Na also», hatte Kalitin frohlockt, der dem ruhigen Leben auf dem Stammgut nicht das Geringste ab­zugewinnen vermochte. «Damit besteht ja wohl kein Grund mehr, raus aufs Land zu zuckeln.» Marja Dmitrijewna tat es zwar oft genug in der Seele leid um ihr schönes Pokrowskoje mit dem munteren Flüsschen, den endlosen Wiesen und den grünen Waldstücken; ihrem Mann machte sie deswegen jedoch nie einen Vorwurf, vielmehr beugte sie sich ganz seinem Verstand und seiner Lebensklugheit. Als er dann nach fünfzehnjäh­riger Ehe starb und sie mit einem Sohn sowie zwei Töchtern zurückließ, hatte sich Marja Dmi­trijewna bereits dermaßen an ihre Villa und das Leben in der Stadt gewöhnt, dass sie aus freien Stücken in O. blieb.

In ihrer Jugend war Marja Dmitrijewna der Ruf eines entzückenden Blondschopfes voraus­geeilt, und selbst mit fünfzig Jahren hatte sie ihre Anmut nicht eingebüßt, obschon sie ein wenig mollig und rund geworden war. Eine gewisse Herzensgüte war ihr nicht abzusprechen, vor al­lem aber entflammte sie leicht und pflegte bis in ihr reifes Alter die Allüren einer Pensionats­schülerin. Sie übte sich selbst gegenüber stets Nachsicht, geriet rasch in Wut oder brach gar in Tränen aus, sobald etwas nicht seinen gewohn­ten Gang ging; andererseits konnte sie durchaus zauberhaft und zärtlich sein, sobald ihr sämtliche Wünsche erfüllt wurden und niemand ihr Wi­derpart bot. Ihr Haus zählte zu jenen in der Stadt, in denen man besonders gern verkehrte. Sie verfügte über ein stattliches Vermögen, dies weniger aufgrund ihrer Erbschaft als vielmehr aufgrund der geschäftlichen Erfolge ihres Mannes. Die beiden Töchter wohnten noch bei ihr, ihr Sohn besuchte eine der angesehensten staatlichen Er­ziehungsanstalten in Petersburg.

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