MANESSE

John Steinbeck

Der Winter unseres Missvergnügens

Die ultimative Abrechnung mit dem menschenverachtenden US-Kapitalismus

John Steinbecks letzter Roman ist ein bis heute gültiges Lehrstück über Geld und Moral: Sein Protagonist Ethan Hawley, Hätschelkind der Finanzaristokratie von Long Island, muss sich um materielle Dinge nicht sorgen – bis ihn die Pleite seines Vaters plötzlich zwingt, auf eigenen Beinen zu stehen. Um Frau und Kinder ernähren zu können, tritt er eine schlechtbezahlte Stelle als Verkäufer in einem Lebensmittelladen an. Rasch erkennt jedoch er, dass redliches Tagwerk einen Mann nicht weiterbringt. Unter dem Einfluss seiner Frau und dem seines Bankberaters entledigt er sich aller Menschlichkeit und steigt zum skrupellosen Geschäftsmann auf, der ohne Rücksicht auf andere nur den eigenen Vorteil sucht.

Gebundenes Buch, 608 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2432-8

Leseprobe

Kaum wurde Mary Hawley vom schönen gol­denen Aprilmorgen geweckt, drehte sie sich zu ihrem Gatten um, nur um zu sehen, wie er ihr mit seinen kleinen Fingern einen Froschmund zog.

«Du bist albern, Ethan», sagte sie. «Hör auf, herumzukaspern.»

«Ach, sag an, Miss Mäuschen, willst du mich heiraten?»

«Bist du schon albern aufgewacht?»

«Das Jahr beginnt mit diesem Tag, der Tag mit diesem Morgen.»

«Sieht ganz danach aus. Weißt du wenigstens, dass heute Karfreitag ist?»

Mit dumpfer Stimme verkündete er: «Die nie­derträchtigen Römer sammeln sich zum Marsch auf Golgatha.»

«Nun lästere nicht auch noch. Erlaubt Marullo dir heute, den Laden um elf zu schließen?»

«Liebste Gluckenblume, Marullo ist Katholik und obendrein Itaker. Der lässt sich heute be­stimmt nicht blicken. Ich mache über Mittag zu, bis die Hinrichtung vorbei ist.»

«Das ist Pilgervätergerede und gar nicht nett.»

«Unsinn, Marienkäferchen. Das kommt von meiner mütterlichen Seite, ist also Piratengerede. Und wie du weißt, ist’s ja wirklich eine Hinrich­tung gewesen.»

«Die waren gar keine Piraten. Walfänger wa­ren sie, hast du selber gesagt, und du hast auch ge­sagt, sie hätten dafür Freibriefe oder so was vom Kontinentalkongress gehabt.»

«Die Besatzung der Schiffe, auf die sie feuer­ten, haben sie jedenfalls für Piraten gehalten. Und die römischen Kommissköpfe hielten es für eine Hinrichtung.»

«Jetzt bist du sauer. Albern mag ich dich lieber.»

«Ich bin doch albern. Weiß jeder.»

«Du machst mich immer ganz konfus, dabei kannst du wirklich stolz auf dich sein – Pilgerväter und Walfangkapitäne in ein und derselben Familie.»

«Wären sie’s?»

«Wie bitte?»

«Wären meine großartigen Vorfahren stolz, wenn sie wüssten, dass sie einen gottverdammten Verkäufer in einem gottverdammten Itakerladen in jener Stadt hervorgebracht haben, die einmal ihnen gehört hat?»

«Bist du doch gar nicht. Du bist fast so was wie der Geschäftsführer, führst die Bücher, bringst das Geld zur Bank und bestellst die Ware.»

«Klar doch, und ich fege aus, trage den Müll nach draußen, katzbuckle vor Marullo, und wär ich ein gottverdammter Kater, würde ich auch noch seine Mäuse fangen.»

Sie legte ihre Arme um ihn. «Komm, lass uns lieber albern sein», sagte sie. «Und bitte fluch nicht am Karfreitag. Ich liebe dich doch.»

«In Ordnung», sagte er nach einem Moment.

«Das behaupten sie alle, aber glaub bloß nicht, des­halb dürftest du splitterfasernackt neben einem verheirateten Mann liegen.»

«Ich wollte dir von den Kindern erzählen.»

«Sind sie im Gefängnis?»

«Jetzt bist du wieder albern. Vielleicht wäre es besser, sie erzählen es dir selbst.»

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