MANESSE

Joaquim Maria Machado de Assis

Das babylonische Wörterbuch

«Der großartigste lateinamerikanische Autor aller Zeiten.» Susan Sontag

Was wäre geschehen, hätte nicht Jesus die Bergpredigt gehalten, sondern der Teufel? Was, wenn Männer und Frauen ihre Seelen und Rollen tauschten? Joaquim Maria Machado de Assis, berühmtester Klassiker Brasiliens und Vorbote des Magischen Realismus, stellt in seinen Erzählungen ironisch alle Konventionen auf den Kopf. Lustvoll spielt er mit den Erwartungen seiner Leser und lotet Grenzen aus: von Gut und Böse, Vernunft und Wahnsinn, bürgerlichem Schein und Sein. Dieser Auswahlband versammelt Machado de Assis' beste Geschichten – allesamt Neu- und deutsche Erstübersetzungen – zu einem Panorama kompromissloser Originalität.

Gebundenes Buch, 256 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2422-9

Leseprobe

Der türkische Pantoffel

Seht nur den Bakkalaureus Duarte! Gerade hat er einen Krawattenknoten geschlungen, wie man ihn straffer und vollkommener in diesem Jahr 1850 noch nicht gesehen hat, da wird ihm der Besuch des Majors Lopo Alves gemeldet. Es ist Abend, wohlgemerkt, bereits nach neun Uhr …

Duarte erschrak. Aus zweierlei Gründen. Erstens, weil der Major einer der langweiligsten Menschen aller Zeiten war. Zweitens, weil Duarte sich gerade anschickte, auf einen Ball zu gehen, um den verträumtesten blauen Augen und dem feinsten blonden Haar zu begegnen, die unser sonst mit derlei Dingen geizendes Klima je hervorgebracht hat. Seit einer Woche ging diese Liebe nun. Zwischen zwei Walzern hatte sein Herz sich umspinnen lassen und seinen dunkelbraunen Augen eine Erklärung anvertraut, welche diese dem Mädchen zehn Minuten vor dem Abendessen getreu übermittelten, um gleich nach der Schokolade ein Ja zu erhalten. Drei Tage später war der erste Brief auf dem Weg, und so wie sich die Dinge ausnahmen, wäre es nicht verwunderlich, wenn die beiden noch vor Jahresende vor den Traualtar träten. Angesichts dessen war der Besuch von Lopo Alves eine echte Katastrophe. Als langjährigem Freund der Familie und Heereskameraden seines verstorbenen Vaters gebührte dem Major höchster Respekt. Undenkbar, ihn abzuweisen. Allein die Tatsache, dass er mit Cecília, dem Mädchen mit den blauen Augen, verwandt war, milderte den Umstand seines Besuchs; sollte es nötig sein, wäre der Major ein sicherer Fürsprecher.

Duarte schlüpfte in seinen Hausmantel und trat in den Salon, wo Lopo Alves, eine Papierrolle unter dem Arm, in die Luft starrte und ihn gar nicht zu bemerken schien.

«Welch guter Wind bringt Sie zu dieser Stunde nach Catumbi?», fragte Duarte und verlieh seiner Stimme einen freudigen Anstrich, der sowohl seines Anliegens als auch des guten Tons wegen angeraten war.

«Ob es ein guter oder ein schlechter Wind war, kann ich nicht sagen», antwortete der Major, und er lächelte unter dem dichten grauen Schnurrbart. «Nur, dass es ein strenger Wind war. Sie gehen aus?»

«Ja, nach Rio Comprido.»

«Ah, ich weiß Bescheid – Sie wollen zur Witwe Meneses. Meine Frau und die Kleinen müssten bereits dort sein; ich komme später nach, wenn ich kann. Es ist noch Zeit, nicht wahr?»

Der Major zückte seine Uhr und sah, dass es halb zehn war. Er strich sich mit der Hand über den Bart, stand auf, tat ein paar Schritte durch den Raum, nahm wieder Platz und sagte: «Ich muss Ihnen etwas mitteilen, womit Sie bestimmt nicht gerechnet haben. Ich habe … Ich habe ein Drama geschrieben.»

«Ein Drama!», rief der Bakkalaureus.

«Das wundert Sie? Ich leide schon seit meinen Kindertagen an literarischen Anfällen. Selbst die Zeit beim Militär vermochte mich nicht davon zu heilen; sie war lediglich ein Palliativum. Die Krankheit ist mit jugendlicher Wucht zurückgekehrt. Und nun hilft nichts mehr, als mich ihr zu überlassen und der Natur ein wenig nachzuhelfen.»

Duarte erinnerte sich, dass der Major tatsächlich einmal von diversen Eröffnungsreden gesprochen hatte, die er gehalten hatte, von zwei oder drei Trauerklagen und einigen Zeitungsartikeln über die Kämpfe am Río de la Plata. Doch seit geraumer Zeit ließ der Major die Generäle vom Silberfluss und die Toten in Frieden; nichts hatte darauf hingedeutet, dass dieses Übel wiedergekehrt war, und schon gar nicht in Form eines Dramas. Hätte Duarte gewusst, dass Lopo Alves vor einigen Wochen ein schauerromantisches Theaterstück gesehen hatte, von dem er so beeindruckt gewesen war, dass er beschloss, selbst ins Rampenlicht zu treten, wäre ihm alles klar gewesen. Dieses wichtige Detail erwähnte der Major jedoch nicht, und so blieb dem Bakkalaureus der Grund für den dramatischen Erguss unbekannt. Er erfuhr ihn nicht und ging ihm auch nicht nach. Stattdessen lobte er die schöpferischen Fähigkeiten des Majors, wünschte ihm aufs Herzlichste, dass ihm das Stück einen triumphalen Erfolg bescheren möge, bot an, ihn mit Freunden vom Correio Mercantil bekannt zu machen, und stockte und erbleichte erst, als er den Major, zitternd vor Seligkeit, das mitgebrachte Manuskript entrollen sah.

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