MANESSE

Jean Cocteau

Thomas der Schwindler

Ein unverschämt heiterer Hochstaplerroman vor der düsteren Kulisse des Ersten Weltkriegs

Nicht die Wirklichkeit zählt, sondern, mit welchem Erfindungsreichtum man sich über sie hinwegsetzt. – So lautet das Lebensmotto von Cocteaus faszinierender Träumer- und Täuscherfigur Thomas. In das blutige Abenteuer des Ersten Weltkriegs hineingeworfen, gibt sich «der Schwindler» kurzerhand als Neffe eines berühmten Generals aus. Mit jugendlicher Fortune und Chuzpe täuscht er seine Mitmenschen, perfektioniert die Kunst der Imagination und wird eins mit seiner Legende. Und noch im Untergang triumphiert Thomas‘ höheres Schwindlertum über die inakzeptable Wirklichkeit des Kriegs. Die Neuübersetzung bringt Cocteaus lapidaren Stakkato-Stil ebenso zur Geltung wie die Strahlkraft seiner imposanten Bilder.

Gebundenes Buch, 192 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2420-5

Leseprobe

Guillaume Thomas war, trotz seines Ungläubigennamens, ein Schwindler. Er war weder der Neffe des General de Fontenoy noch in irgendeiner Weise mit ihm verwandt. Er war in Fontenoy geboren, bei Auxerre, wo manche Historiker den Sieg von Fontanet ansiedeln, den Karl der Kahle im Jahr 841 errang.

Als der Krieg erklärt wurde, war er sechzehn Jahre alt. Er wurde rasend. Er verfluchte sein Alter. Von einem Großvater, der Kapitän zur See gewesen war, hatte er die Abenteuerlust geerbt. Er war Waise und lebte in Montmartre bei seiner Tante, einer frommen alten Jungfer, die ihn laufen ließ, wohin er wollte, und sich nur um ihr Seelenheil kümmerte, ohne sich um das der anderen zu sorgen.

Im Lügen fand Guillaume schon einen Vorgeschmack des Abenteuers, und so machte er sich älter, als er war, erzählte den Nachbarinnen, er werde sich freiwillig melden, er werde eine Sondergenehmigung erhalten, und erschien eines schönen Tages in Uniform. Diese hatte er von einem Kameraden.

Unter dem Deckmantel dieser Verkleidung trieb er seine Streiche, lungerte um die Kasernen und vor dem Tor der Invaliden herum.

Er sagte zu seiner Tante: „Ich bereite mich auf die Artillerieschule vor.“ Alles war so dunkel, so unruhig, dass man sich über nichts wunderte.

Nach und nach erging es ihm wie Kindern, die spielen. Er begann an das Spiel zu glauben. Er nähte sich einen Streifen auf.

Niemand hielt ihn auf. Er empfand keinerlei Furcht. Er war stolz, wenn Zivilisten sich auf der Straße nach ihm umdrehten. Eines Tages, als er einem Schutzmann zu Rad ein Familiendokument zeigte, auf dem der Name Fontenoy stand, glaubte dieser Schutzmann, er heiße Thomas de Fontenoy und stellte ihm die gleiche Frage wie Verne. Da bejahte er die Frage zum ersten Mal, und fortan gehörte dieser Titel zu seinen Spielrequisiten. (…)

Es gibt Leute, die alles besitzen und es niemandem glaubhaft machen können, Reiche, die so arm, und Adlige, die so gewöhnlich sind, dass die Ungläubigkeit, die sie hervorrufen, sie am Ende schüchtern werden und verdächtig wirken lässt. An manchen Frauen werden die schönsten Perlen unecht. An anderen dagegen wirken falsche Perlen echt. Desgleichen gibt es Männer, die blindes Vertrauen erwecken und Privilegien genießen, die ihnen eigentlich nicht zustehen. Zu dieser glücklichen Gattung gehörte Guillaume Thomas.

Man glaubte ihm. Er musste keinerlei Vorsicht walten lassen, brauchte nichts zu berechnen. Ein Stern der Lüge führte ihn geradewegs zum Ziel. So hatte er niemals den besorgten, gehetzten Gesichtsausdruck des Betrügers. Obwohl er weder schwimmen noch Schlittschuh laufen konnte, konnte er sagen: Ich laufe Schlittschuh und schwimme. Und schon hatte ihn jeder auf dem Eis oder im Wasser gesehen.

Eine besondere Fee verleiht diese Gabe bei der Geburt. Manch einer, an dessen Wiege keine andere Fee gekommen ist als diese, bringt es zu etwas.

Es kam nie vor, dass Guillaume sich selbst prüfte und dachte: Wie komme ich da wieder heraus?, oder: Ich mogele, oder: Ich bin ein Schurke, oder: Ich bin ein schlauer Fuchs. Er ging, aufs Engste mit seiner Fabel verbunden, seinen Weg.

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