MANESSE

Sinclair Lewis

Babbitt

«Packendes Porträt der Zwanzigerjahre voller legendärer Charaktere... eine überzeugende Satire auf die Konformität der amerikanischen Mittelschicht.» (The Guardian)

Sinclair Lewis ist der Chronist der US-amerikanischen Mittelschicht. Den Zwang zu Konsum und Konformismus, die Pervertierung des Amerikanischen Traums hat niemand so prägnant und dabei so amüsant beschrieben wie der Nobelpreisträger. Sein berühmter Roman "Babbitt" ergründet die Seele eines Mannes, dessen kapitalistische Überzeugungen Risse bekommen.

In seinem ereignislosen, durchschnittlichen Kleinstadtleben hat der Immobilienmakler George F. Babbitt sich recht bequem eingerichtet. Seine drei Kinder sind wohlgeraten, wenn sie auch meist nicht auf ihn hören; mit seiner Frau verbinden ihn liebgewonnene Gewohnheiten. Sein ganzes Streben ist auf gesellschaftliche Anerkennung und wirtschaftlichen Aufstieg gerichtet. Bis ihm eines Tages bewusst wird, dass er all dies so nie gewollt hat, und einen Ausbruchsversuch wagt. Mit feinem Spott, ironischem Witz und stets voller Sympathie für den charakterschwachen Protagonisten erzählt der Roman, wie Babbitt sein rebellisches Selbst wiederentdeckt.

Gebundenes Buch, 784 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2384-0

Leseprobe

Er hieß George F. Babbitt, war gerade, im April 1920, sechsundvierzig Jahre alt geworden und stellte selbst nichts Nennenswertes her, weder Butter noch Schuhe oder Gedichte, doch war er äußerst geschickt darin, Häuser für weit mehr Geld zu verkaufen, als es sich die Leute eigentlich leisten konnten.

Der große Kopf war rosig, das spärliche braune Haar ohne Glanz, sein schlafendes Gesicht das eines Babys, und dies trotz einiger Falten und der roten Brillenabdrücke auf der Nase. Er wirkte nicht gerade korpulent, doch gut genährt, hatte Pausbacken, und die glatte Hand, die hilflos auf der khakifarbenen Decke lag, war ein wenig pummelig. Er machte einen wohlhabenden, betont unromantischen und verheirateten Eindruck; gänzlich unromantisch wirkte auch die Schlafveranda, von der aus man auf eine ansehnliche Ulme, zwei respektable Rasenflächen, eine betonierte Auffahrt sowie eine Wellblechgarage blickte. Babbitt aber träumte wieder einmal den Feenmädchentraum, der romantischer war als purpurne Pagoden am silbrig schimmernden See.

Seit Jahren erschien ihm das Feenmädchen. Wo andere nur Georgie Babbitt in ihm sahen, sah sie einen galanten jungen Mann. Im Dunkel jenseits geheimnisvoller Haine wartete sie auf ihn, und sobald er sich aus dem überfüllten Haus fortstehlen konnte, huschte er zu ihr. Seine Frau, die lärmenden Freunde, sie alle wollten ihm folgen, aber er konnte ihnen entfliehen, an seiner Seite das Mädchen, und gemeinsam kauerten sie an schattigem Hang. Sie war so schlank, so weiß, so willig! Und er sei so witzig, so mutig, sie würde auf ihn warten, dann wollten sie gemeinsam segeln …

Das Rumpeln und Poltern des Milchwagens. Babbitt stöhnte, drehte sich auf die andere Seite und suchte den Weg zurück in seinen Traum. Jetzt konnte er nur noch ihr Gesicht jenseits nebliger Wasser sehen. Unten knallte der Hausmeister die Kellertür zu. Im Nachbargarten bellte ein Hund. Kaum glitt Babbitt selig zurück in die dämmrige warme Flut, kam pfeifend der Zeitungsjunge vorbei, und die aufgerollte «Advocate» schlug gegen die Tür.

Erschrocken fuhr Babbitt auf, sein Gedärm zog sich zusammen, und noch während er langsam wieder zur Ruhe kam, durchbohrte ihn mit einem Mal das vertraute, nervtötende Rasseln eines Fords, der angekurbelt wurde: schrapppött-pött, schrapp-pött-pött, schrapp-pött-pött. Babbitt, selbst bekennender Automobilist, kurbelte mit dem unsichtbaren Fahrer, wartete angespannt mit ihm eine Ewigkeit auf das Grollen des anspringenden Motors und litt mit ihm, als das Grollen wieder verstummte und das infernalisch beharrliche Schrapp-schrapp aufs Neue einsetzte – ein satter, tiefer Ton, ein wummerndes Geräusch am kalten Morgen, ein wütendes, ein unentrinnbares Geräusch. Erst der anschwellende Motorenlärm, der ihm verriet, dass der Ford nun fahrbereit war, erlöste ihn von seiner atemlosen Anspannung.

Er warf einen Blick auf seinen Lieblingsbaum, Ulmenzweige vor goldener Himmelspatina, und tastete sich zum Schlaf zurück wie zu einem süßen Gift. Er, der als Junge so erwartungsvoll ans Leben geglaubt hatte, interessierte sich nicht länger für all die unwahrscheinlichen Abenteuer, die der neue Tag bieten mochte.

Jetzt bestellen

Gebundenes Buch
eBook
€ 28,00 [D] | € 28,80 [A] | CHF 38,90 [CH]

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit aktuellen Buchtipps, Leseproben und Gewinnspielen

Newsletter abonnieren