MANESSE

Mary Shelley

Frankenstein

«Eine der großen moralischen Erzählungen der europäischen Literatur.» (Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Faszination des Frankenstein-Mythos ist bis heute ungebrochen. Mary Shelleys spannendes Meisterwerk lotet die Grenzen unserer Fantasie aus und erweckt einen ewigen Traum zum Leben: den Traum von der Erschaffung eines menschenähnlichen Wesens.

Nach Jahren des Experimentierens ist es dem ehrgeizigen Forscher Victor Frankenstein gelungen, aus toter Materie einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Doch das Ergebnis seiner alchemistischen Versuche erschüttert ihn bis ins Mark. Entsetzt überlässt er das Wesen seinem Schicksal. Dessen verzweifelte Suche nach Nähe und Akzeptanz endet in Chaos und Verwüstung. Als das Wesen nach und nach Rache an Frankensteins Familie nimmt, beschließt dieser, seine Kreatur zu jagen und zu töten… Das Erstlingswerk einer 19-Jährigen entstand als Gruselgeschichte zum Vorlesen im Freundeskreis. Der jungen Mary Shelley gelang einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur, der seit nunmehr 200 Jahren und auch heute noch gültige Fragen zur Verantwortung des Menschen über seine Schöpfung stellt. Zum Jubiläumsjahr veröffentlichen wir eine Übersetzung der Urfassung von 1818.

Gebundenes Buch, 464 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2370-3

Leseprobe

In einer tristen Novembernacht stand ich vor der Vollendung meiner mühseligen Arbeit. Mit einer Beklemmung, die fast schon an Folterqualen grenzte, brachte ich die lebenspendenden Apparate in Position, um einen Funken des Seins in dieses leblose Ding zu meinen Füßen zu leiten. Es war bereits ein Uhr morgens. Trostlos prasselte der Regen gegen die Fensterscheiben, und meine Kerze war beinahe heruntergebrannt, als ich im Schimmer des gerade erlöschenden Lichts sah, dass sich das trübe gelbe Auge der Kreatur öffnete. Sie atmete schwer, und ihre Glieder wurden von krampfartigen Zuckungen geschüttelt.

Wie kann ich meine Gefühle angesichts dieser Katastrophe schildern, wie den elenden Teufel beschreiben, auf dessen Erzeugung ich solch unendliche Mühe und Sorgfalt verwendet hatte? Seine Glieder waren ebenmäßig, und seine Züge hätten schön sein sollen. Schön! Großer Gott! Seine gelbliche Haut bedeckte kaum das darunterliegende Geflecht aus Muskeln und Arterien. Sein Haar war glänzend schwarz und lang, seine Zähne weiß wie Perlen, aber diese Pracht bildete lediglich einen noch erschreckenderen Kontrast zu seinen wässrigen Augen, die beinahe dieselbe Farbe hatten wie die schmutzig grauen Höhlen, in die sie eingesetzt waren, zu seiner welken Gesichtsfarbe und seinen schmalen, schwarzen Lippen.

Die verschiedenen Zufälle des Lebens sind nicht so wechselhaft wie menschliche Gefühle. Ich hatte fast zwei Jahre lang geschuftet, nur um einen unbeseelten Körper mit Leben zu füllen. Um dieses Zieles willen hatte ich auf Ruhe verzichtet und meine Gesundheit vernachlässigt. Ich hatte es mit einer jedes Maß übersteigenden Gier herbeigesehnt, nun aber, da mein Werk vollbracht war, verblasste der schöne Traum, und Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz. Unfähig, den Anblick des Wesens zu ertragen, das ich erschaffen hatte, floh ich aus dem Labor. In meinem Schlafzimmer wanderte ich unentwegt auf und ab und war außerstande, meinen Geist so weit zu beruhigen, dass ich hätte schlafen können. Schließlich gewann die Erschöpfung die Oberhand über das Entsetzen, das mich zuvor aufgewühlt hatte, und ich warf mich angezogen aufs Bett, um ein paar Augenblicke des Vergessens zu finden.

Doch vergeblich: Ich schlief zwar, wurde aber von den wildesten Träumen heimgesucht. Ich meinte, Elisabeth bei bester Gesundheit durch die Straßen von Ingolstadt spazieren zu sehen. Erfreut und überrascht umarmte ich sie. Als ich aber den ersten Kuss auf ihre Lippen drückte, nahmen sie die bläuliche Farbe des Todes an. Ihre Gestalt schien sich zu verändern, und mir war, als hielt ich meine verstorbene Mutter in den Armen. Sie war in ein Leichentuch gehüllt, und ich sah, wie Grabwürmer in den Falten des Stoffes wimmelten. Entsetzt schreckte ich aus dem Schlaf auf, kalter Schweiß bedeckte meine Stirn, meine Zähne klapperten, und mein ganzer Körper hatte sich verkrampft. Da erblickte ich im dämmrigen, gelben Licht des Mondes, das durch die Fensterläden drang, den Teufel, das elende Monstrum, das ich erschaffen hatte. Es hielt den Vorhang meines Bettes hoch, und seine Augen, wenn man sie denn so nennen konnte, waren auf mich gerichtet. Es öffnete das Maul und gab einige unverständliche Geräusche von sich, während ein Grinsen seine Wangen verzog. Vielleicht hat es gesprochen, aber ich verstand nichts. Eine Hand streckte sich, offenbar um mich aufzuhalten, doch ich entkam und eilte die Treppe hinab. Ich fand Unterschlupf in dem Hof, der zu dem Haus gehörte, in dem ich wohnte. Dort blieb ich bis zur Morgendämmerung, ging in größter Unruhe auf und ab, lauschte aufmerksam, suchte angstvoll jedes Geräusch zu erhaschen, als sollte es von der Ankunft jener dämonischen Leiche künden, der ich auf so erbärmliche Weise Leben eingehaucht hatte.

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