MANESSE

Jonathan Swift

Gullivers Reisen

Nie war er aktueller als heute – Swifts «Gulliver» in der gültigen deutschen Übersetzung zum Jubiläum!

Gullivers Reisen nach Lilliput und zu den Riesen kennt jedes Kind. Und doch ist Swifts Fantasy-Saga vor allem ein eindrucksvolles Leseabenteuer für Erwachsene – tiefsinnig, amüsant, subversiv und desillusionierend –, eine zeitlos gültige Generalabrechnung mit menschlicher Dummheit und Selbstüberschätzung, ja eine besonders frühe Form der Polit-Satire: Die mit unerschöpflicher Fabulierlust bis ins Detail realistisch gestalteten Erlebnisse Gullivers in fremden Reichen sind gespickt mit polemischen Seitenhieben auf Staat, Kirche oder Rechtswesen.

Zum 350. Geburtstag des Autors am 30. November 2017 erscheint Christa Schuenkes kongeniale Übersetzung nun in der neu gestalteten Manesse Bibliothek - für alle, die den Menschen immer noch für die Krone der Schöpfung halten. Ein Klassiker, wie er gegenwärtiger gar nicht sein könnte!

Gebundenes Buch, 704 Seiten, ISBN: 978-3-7175-2078-8

Leseprobe

Eine Reise nach dem Lande der Houyhnhnms

Am 9. Tage des Monats Mai anno 1711 kam ein gewisser James Welch herunter in meine Kabine und sagte, er habe Befehl vom Kapitän, mich an Land auszusetzen. Ich stellte ihn zur Rede, allein, es war vergebens; er wollte sich noch nicht einmal herbeilassen, mir zu erzählen, wer denn ihr neuer Kapitän sei. Sie zwangen mich, in das Beiboot zu steigen, erlaubten mir, meinen besten Anzug anzulegen, der so gut wie neu war, und ein schmales Bündel Wäsche mitzunehmen, Waffen aber weiter keine als einzig meinen Hirschfänger; auch hatten sie immerhin so viel Höflichkeit, meine Taschen nicht zu durchsuchen, in denen sich nebst ein paar kleinen Dingen für den täglichen Gebrauch auch alles Geld befand, das ich auf dieser Reise bei mir hatte. Alsdann ruderten sie mich ungefähr drei Meilen weit fort und setzten mich an einer Küste aus. Ich bat die Leute inständig, mir doch zu sagen, in welchem Lande ich mich nun befand. Aber sie schworen allesamt, sie wüssten auch nicht mehr als ich, sagten jedoch, der Kapitän (wie sie ihn nannten) hätte beschlossen, sich meiner zu entledigen, sobald die Fracht verkauft sei, und mich am ersten besten Küstenstriche auszusetzen, den sie sichteten. Alsdann mahnten sie mich zur Eile, stießen aus Angst, die Flut könnte sie einholen, augenblicks hastig wieder ab und sagten mir Lebwohl.

In dieser verzweifelten Lage machte ich mich auf den Weg und hatte alsbald festen Boden unter den Füßen und setzte mich auf eine Sandbank, um ein wenig auszuruhen und mir mein weiteres Vorgehen zu überlegen. Als ich mich etwas gestärkt hatte, marschierte ich landeinwärts, fest entschlossen, mich den ersten besten Wilden auszuliefern, die mir begegneten, und mir mein Leben zu erkaufen mit ein paar Armbändern, gläsernen Ringen und dergleichen Plunder, wie ihn ein jeder Seemann mit sich führt, wenn er in jene Breiten reist, und wovon auch ich allerlei bei mir hatte. Das Land durchzogen lange Baumreihen, doch waren diese nicht regelmäßig angelegt, sondern sie wuchsen wild; es gab sehr viele Wiesen und eine Menge Haferfelder. Ich schritt mit großer Umsicht aus, befürchtete ich doch, ich könnte jählings überfallen werden oder ein Pfeil könnte mich blitzschnell in den Rücken oder in die Seite treffen. So kam ich denn an einen Trampelpfad, auf dem ich viele Spuren sah, ein paar von Menschenfüßen, ein paar von Kühen, die meistens allerdings von Pferdehufen …

Als ich mich umblickte, bemerkte ich zu meiner Linken ein Pferd, das gemachsam übers Feld spazierte. Das Pferd kam näher, scheute ein wenig, fasste sich aber alsbald wieder und schaute mir unverwandt und sichtlich verwundert ins Gesicht. Es betrachtete meine Hände und Füße und umrundete mich etliche Male. Ich wäre gern weitergegangen, doch es trat mir in den Weg und sah mich an, und sein ganzes Gebaren war vollkommen sanft und zeigte keinerlei Gewaltsamkeit. Ein Weilchen blieben wir so stehen und musterten einander, bis ich mich endlich ermannte und die Hand nach seinem Halse ausstreckte, um es zu tätscheln, wobei ich mit der Zunge schnalzte, wie es die Jockeys machen, wenn sie sich einem fremden Pferde nähern. Aber das Tier schien meine Artigkeiten für unter seiner Würde zu halten; es schüttelte den Kopf und zog die Brauen hoch, hob sachte seinen rechten Vorderfuß und schob meine Hand beiseite. Alsdann wieherte es drei- oder viermal, doch stets in einer ganz anderen Folge von Tönen, sodass ich schon versucht war zu glauben, es habe eine eigene Sprache, in der es Selbstgespräche führe.

Indes wir dergestalt beschäftigt waren, kam noch ein zweites Pferd heran; die beiden sagten einander artig Guten Tag, indem sie ihre rechten Vorderhufe aneinanderschlugen und mehrmals wieherten, freilich jedes Mal in einer etwas anderen Tonlage, aber so deutlich, dass mir’s beinah vorkam, als verstünde ich jedes Wort. Sie traten ein paar Schritt beiseite, als ob sie sich beratschlagten, gingen nebeneinander her und schritten auf und ab wie zwei Herren, die über eine wichtige Angelegenheit diskutieren, wandten aber den Blick immer wieder nach mir um, als wollten sie mich im Auge behalten, damit ich mich nicht etwa davonmachte. Ich war zutiefst verwundert, solches Tun und Treiben bei vernunftlosen Tieren zu erleben, und zog bei mir den Schluss, dass die Bewohner dieses Landes, falls sie ein entsprechendes Maß an Vernunft besäßen, gewiss das klügste Volk auf dieser Erde wären. Dieser Gedanke brachte mir so großen Trost, dass ich beschloss, immer weiter zu gehen, bis ich irgendein Haus oder ein Dorf fände oder einige der Eingeborenen träfe, und die zwei Pferde miteinander diskutieren zu lassen, solange es ihnen gefiel ...

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